Über das Leben in Shaolin

Fragen © Nils-Andreas Andermark



Herr Moestl, wie lange haben Sie genau bei den Shaolin in Henan gelebt?

Seit meinem ersten Aufenthalt in Shaolin 1996 waren es insgesamt sechs Monate. Da mir manche der Mönche zu echten Freunden geworden sind habe ich aber auch außerhalb des Klosters regelmäßig Kontakt zu ihnen.

Wie leicht oder schwer ist es überhaupt, bei den Shaolin-Mönchen aufgenommen zu werden? Welche Fähigkeiten muss/sollte man mit sich bringen?

Entgegen vieler anderslautender Gerüchte wird man als Europäer in Shaolin nicht aufgenommen. Das geht soweit, dass es Ausländern bis heute nicht erlaubt ist, innerhalb der Tempelmauern zu nächtigen. Wer aber die ehrliche Bereitschaft glaubhaft machen kann, sich auf den Geist von Shaolin einzulassen, dem geben die Mönche ihr Wissen über die Kampfkunst genauso weiter wie jenes über den geistigen Hintergrund. Gong Fu bedeutet so viel wie „durch harte Arbeit erworbene Fähigkeit“ und erklärt auch, was man mitbringen sollte: Körperliche Fitness und die Bereitschaft, an sich und dem eigenen Denken zu arbeiten.

Mussten Sie Geld für Kost und Logis bezahlen? Oder ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen?

Da ich als Ausländer nicht im Kloster nächtigen durfte, musste ich dafür bezahlen.

Wie lief ein typischer Tag/eine typische Woche im Kloster ab? Wie redundant, immer gleich, ist der Tagesablauf eines Shaolin-Mönchs?

Auch wenn die Mönche ihren Tagesablauf frei gestalten können ist er für den Einzelnen meist redundant. Manche meditieren bereits um drei Uhr Früh, weil das für sie die beste Zeit ist, andere, vor allem die Schüler stehen erst um fünf Uhr auf. Für diese folgt Morgensport mit Qi-Gong, Frühstück und dann Kampftraining, Meditation, Gespräche mit dem Meister und wieder Kampftraining, meist bis zehn Uhr Abends. Aufgrund der zwei Millionen Touristen, die jedes Jahr das Kloster besuchen, trainieren die Mönche aber nicht mehr im Tempel sondern an speziellen Plätzen in den Songshan Bergen.

Wie oft und was genau trainieren die Shaolin? Wie viele Stunden am Tag? Wie anstrengend ist das Leben eines Shaolin?

Die Mönche trainieren wann immer sich die Gelegenheit bietet, wie gesagt oft 16 Stunden am Tag. Es sind Kampf- und Waffentechniken, Hard Qi-Gong Übungen, Abhärtungsübungen, Balanceübungen wie das Kämpfen auf drei Meter hohen Baumstämmen oder einfach körperliche Ertüchtigung. Bei meinem ersten Aufenthalt habe ich einen Mönch kennengelernt, der fünf Mal am Tag zur Tamo-Höhle hinauf gelaufen ist, zu der ich in etwa zwei Stunden gebraucht habe. Wie hart das Training einmal gewesen sein muss sieht man vor allem bei den älteren Meistern: Sie haben Zeige-, Mittel- und Ringfinger gleich lang, weil sie als Kinder zur Abhärtung stundenlang in den Sand schlagen mussten. Auch wenn heute sicher vieles leichter geworden ist steckt hinter dem, das die Mönche können unglaublich harte Arbeit.

Was war die größte (sportliche, körperliche und mentale) Leistung eines Shaolin, die Sie während Ihres Aufenthalt in Henan erlebt haben?

Das Durchschießen einer Glasplatte mit einer ganz normalen Nähnadel. Die Tatsache, dass man nur mit Körperkraft und Konzentration eine Nadel so beschleunigen kann, dass sie Glas durchdringt.

Gibt es vielleicht sogar Übungen, die man – auch als westlicher Durchschnittsmensch – problemlos in sein Leben integrieren kann?

Wenn Sie geistige Übungen meinen, dann ja. Jeder von uns kann lernen und üben, bewusst zu handeln und das eigene Tun von Notwendigkeit und nicht von Gier oder Emotionen bestimmen zu lassen.

Was war zuerst da: Der Kampfsport der Shaolin oder die Philosophie der Shaolin?

Das ist schwierig zu sagen da sich in Shaolin Philosophie und Kampfkunst gewissermaßen gegenseitig bedingen. Boddhidharma, der Begründer des ZenBuddhismus und erste Abt des Shaolin Klosters war ein ausgebildeter Kämpfer. So war die Idee, so gut kämpfen zu lernen, dass man nicht mehr kämpfen muss, von Anfang an ein Teil der Shaolin-Philosophie.

Wie war es für Sie, in diese Welt einzutauchen? Was haben Sie vermisst? Was ist Ihnen besonders schwergefallen? Und wie fremd haben Sie sich nach Ihrer Rückkehr in der westliche Welt gefühlt?

Ich bereise den asiatischen Kontinent seit mittlerweile 22 Jahren. Als ich das erste Mal nach Shaolin gekommen bin waren mir Asien und auch China schon vertraut. Jian Wang, ein chinesischer Freund, dem ich nicht nur in Bezug auf Shaolin sehr vieles zu verdanken habe, hat einmal gemeint, ich wäre ein Europäer der denkt wie ein Asiate. So war mir diese Welt immer gewissermaßen freundschaftlich vertraut. Wirklich fremd fühle ich mich jedes Jahr wenn ich nach vier, fünf Wintermonaten in Asien wieder in die westliche Welt zurück kehre.

Was waren die beeindruckendsten und schönsten Momente während Ihres Aufenthalts? Was gefiel Ihnen weniger?

Der beeindruckendste Moment war, als ich das erste Mal Meister Shi De Cheng gegenüber gestanden bin, der nicht nur ein großartiger Kämpfer sondern auch ein wunderbarer Gesprächspartner ist. Weniger gefallen hat mir der Muskelkater am Anfang, der mich jedes Mal innerlich weinen ließ, wenn ich nur an die drei Stufen zum Speisesaal dachte.

Als Kind waren Sie größer Fan von David Carradine respektive seiner Serie „Kung Fu“, die ebenfalls (zu Teilen) im Kloster von Henan spielte – wie viel Wahrheit steckt in der Serie? Und wie unterscheidet sich die Realität von der filmischen Darstellung?

Auch wenn manche Wahrheit in der Serie steckt, war das Leben im Kloster in Wirklichkeit viel härter. So bestand die Abschlussprüfung nicht daraus, dem Meister einen Stein aus der Hand zu nehmen. Der Prüfling musste vielmehr lebensgefährliche, für viele Kandidaten tatsächlich tödliche Aufgaben bestehen. Außerdem geht in der Serie ein Aspekt unter: Die Shaolin-Mönche waren Elitesoldaten. Ihr wirkliches Geheimnis war es, niemals zu drohen aber immer zu handeln. Selbst wenn sie den Kampf nach Möglichkeit vermieden haben: Wo immer nötig, war der Gegner schneller tot, als er begriffen hatte, worum es überhaupt ging.

Was haben die durch die westliche Welt tourenden Shaolin-Mönche mit denen des Klosters gemein? Und wieso zeigen diese Shaolin anstatt Quanfa ausschließlich modernes Wushu?

Um ehrlich zu sein, recht wenig. Es gab 1995 eine Europatournee, bei der die echten Mönche zu sehen waren. Danach waren Schüler der Taguo Schule unterwegs. Diese wird zwar vom Kloster betreut aber vom Staat bezahlt. Die Schüler sind sehr gute Kämpfer, aber eben keine Mönche. Und auch wenn es niemand gerne hört: Auch Shaolin hat sich in den letzten Jahren dem Kommerz nicht verschließen können. Da geht es einfach um viel zu viel Geld. Daher wird gezeigt, was die Zuschauer sehen möchten. So mögen die Faustkampftechniken des Quanfa für den Eingeweihten faszinierend sein. Die massentauglichere Action aber bietet Wushu.

Ist ein Shaolin-Mönch auch automatisch ein guter Sportler, ein perfekter Leichtathlet, ein ÜberFußballer, der von den gegnerischen Verteidigern – aufgrund seiner Körperbeherrschung und Wendigkeit – unmöglich gestoppt werden kann usw.?

Ein Shaolin-Mönch ist ein perfekter Kämpfer mit sehr starken Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten. Ohne einen Ball eine gegnerische Verteidigungslinie zu durchbrechen hätte er also wohl keine Probleme. Körperbeherrschung und Wendigkeit machen aber noch lange keinen guten Fußballer, zumal bei diesem Sport ja die Anforderungen ganz andere sind. Dass auch Shaolin-Mönche nur Menschen sind habe ich übrigens verstanden, als mein Meister das erste Mal versucht hat, statt mit Stäbchen mit Messer und Gabel zu essen...

Was kann die westliche Welt von den Shaolin lernen? Oder etwas skurril gefragt: Was kann die immer westlicher werdende östliche Welt von den Shaolin lernen?

In aller erster Linie sollten sie beide lernen, dass Gier der Ursprung allen Leides ist. Und dass westliche Gierkultur auch Jahrtausende alte Traditionen innerhalb kürzester Zeit unwiederbringlich auslöscht. Was zur Zeit in Asien passiert sollte uns wohl allen eine Warnung sein.

In Ihrem neuen Buch „Das Shaolin Prinzip“ geht es zentral um die Shaolin-Philosophie, Entscheidungen innerhalb von sieben Atemzügen zu fällen – wie praktikabel ist das im Alltag? Oder: Gibt es nicht auch Entscheidungen, die eine längere Zeit des Nachdenkens benötigen, die vielleicht sogar sehr lange dauern sollten, um die Gefahr einer weitreichenden Fehlentscheidung zu vermeiden?

Richtig angewendet ist das sehr praktikabel. Es geht zwar heute meistens nicht mehr darum, das Nachdenken auf einen derart kurzen Zeitraum zu beschränken. Diese Idee, welche die übrigens die Samurai in dieser Deutlichkeit formuliert haben, hatte ihren Ursprung im Kampf. Ein Kämpfer, der nicht fähig war, zu einer raschen Entscheidung zu kommen, bezahlte seine Langsamkeit meist mit dem Leben. Mir geht es aber nicht um den Nachdenksondern um den Entscheidungsprozess. Nimm dir alle Zeit, die du zu brauchen denkst, um zu einer guten Entscheidung zu kommen. Aber wenn dann der Zeitpunkt gekommen ist, sie zu fällen, entscheide schnell und ohne Zögern. Die meisten Menschen scheitern ja nicht an falschen Entscheidungen sondern vielmehr daran, dass sie keine Entscheidung treffen. Dann wird für sie entschieden und das nur sehr selten zu ihrem Vorteil.

Und : Wie gelingt Ihnen selbst die Umsetzung dieser Lebensweise?

Sehr gut, weil sie verhindert, dass ich durch ständiges „Hin und Her Entscheiden“ mich und meine Mitarbeiter lähme.

Eines der sieben Kapitel heißt „Ignoriere Beeinflussung“ – soll man demnach auch Ratschläge und das (vielleicht bessere) Wissen anderer ignorieren? Und: Sind nicht auch die Lehren im Kloster (und auch Ihr Buch) eine Beeinflussung?

Wie könnte denn jemand anderer wissen, was besser ist für mich? Man sollte sich durchaus alles anhören, was andere zu sagen haben. Aber man sollte nicht annehmen, dass diese Anderen einem die Verantwortung für die Entscheidung abnehmen können wenn sich ihre Ratschläge oder ihr Wissen als falsch herausstellen. Wir müssen lernen, wieder selbst zu Entscheidungen zu finden und nicht zu hoffen, dass andere das für uns tun. Ich habe in meinen Büchern eine Idee übernommen, die ich im Kloster kennengelernt habe: Statt Antworten zu geben stelle lieber die richtigen Fragen.

Welche Rolle spielen die Shaolin in der heutigen Zeit? Ist ihre Lebensweise inzwischen anachronistisch und weltfremd?

Wie schon angedeutet: Shaolin ist mit der Zeit gegangen und heute ein Museum mit Merchandising, Souvenirständen und über zwei Millionen Besuchern im Jahr. Das Leben der verbliebenen Mönche hat sich einer gesellschaftlichen Entwicklung angepasst, in der das Geld Vorrang hat. Dort ist wenig Platz für Anachronismus und Weltfremdheit. Geblieben ist aber neben der 1500 Jahre lang perfektionierten Kampfkunst die Erkenntnis, dass keine körperliche Kraft einen Menschen unbesiegbar machen kann, wenn sein Denken es verhindert und dass der Weg zu jedem Sieg über den Kopf führt.

Können Sie sich vorstellen, irgendwann für immer das Leben eines Shaolin-Mönchs zu führen?

Nein. Denn selbst wenn das Kloster noch die gleiche Funktion hätte wie vor hundert Jahren wäre ich dafür bei aller Liebe zu Asien dann doch zu europäisch geprägt.

Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.

Danke für die tollen Fragen!

Interviews mit Bernhard Moestl

Bernhard Moestl im Gespräch über Bewusstsein und Leadership, seine Bücher, das Leben in Shaolin und die Kraft des eigenen Denkens. Die spannendsten Interviews der letzten Jahre zum Nachlesen.