Über das Buch »Wer Grenzen zieht, kann Wege öffnen«

Fragen © Lena Borowski

Vor dem Hintergrund asiatischer Philosophie hat der ausgewiesene Shaolin-Kenner und Bestseller-Autor Bernhard Moestl den Ratgeber „Wer Grenzen zieht, kann Wege öffnen“ konzipiert. In seinem Buch plädiert er für mehr Zeit und Zuwendung bei der Kindererziehung, aber auch für mehr Konsequenz. Sein Ansatz basiert stark auf den Prinzipien Demut, Autorität, Disziplin und Liebe, nach denen auch die Shaolin-Mönche ausgebildet werden.



Nachdem Ihre vorigen Bücher „Shaolin“ und „Die Kunst, einen Drachen zu reiten“ besonders von Managern rezipiert wurden, dreht sich in Ihrem neuesten Buch alles um das Thema (Kinder-)Erziehung. Wie kam es dazu? Ist das kein Widerspruch?“

Nein, das ist gar kein Widerspruch! Das Erziehungsbuch ist einfach der logische Abschluss einer Gedanken-Trilogie. „Shaolin“ beschäftigt sich mit der Frage, wie andere Menschen mich beeinflussen und manipulieren. Das „Drachenbuch“ zeigt meine Wirkung auf mich selbst und „Wer Grenzen zieht“ soll dem Leser seinen Einfluss auf andere Menschen bewusst machen. Gute Erziehung, wie übrigens auch gute Führung, ist für mich die Kunst, mit jener Verantwortung umzugehen, die das Vertrauen anderer Menschen in mich mit sich bringt. Und die meisten Fehler in diesem Bereich entstehen aus einem Mangel an Bewusstsein für sich selbst.

Sie sind ja weder Pädagoge, noch haben Sie selbst Kinder: Was fasziniert Sie persönlich so am Thema Erziehung? (Man könnte auch provokant fragen: Was ist Ihre Qualifikation auf diesem Gebiet?)

Am meisten fasziniert mich, dass etwas eigentlich so einfaches so verkompliziert wird. Jeden Tag erziehen Milliarden von Tiereltern ihre Tierkinder erfolgreich zu überlebensfähigen Wesen. Nur ihrer Eingebung folgend, ganz ohne, dass sich irgendjemand anderer mit guten Ratschlägen einmischt. Warum ist das den Menschen nicht mehr möglich? Und wie kann es ihnen wieder möglich werden? Mich begeistert es ganz allgemein, Menschen ihre verborgenen Fähigkeiten wieder bewusst zu machen. Meine Qualifikation ist die jahrelange Beobachtung meines eigenen Verhaltens und das jener Menschen, die mich umgeben. Ich habe mit Jugendlichen gearbeitet und bin seit langem in der Erwachsenenbildung tätig. Dabei und in vielen Jahren des Reisens habe ich versucht zu verstehen worauf es im Leben wirklich ankommt.

Was unterscheidet Ihr Buch von der Flut der Elternund Erziehungsratgeber?

Mein Buch ist kein „Ratgeber“. Welchen Rat könnte ich jemandem geben, den ich gar nicht kenne? „Wer Grenzen zieht“ ist keine Handlungsanweisung sondern eine Entdeckungsreise zu sich selbst und zu den Bedürfnissen und dem Wesen des Kindes. Dabei kann ich den Leser begleiten. Den Weg gehen muss er aber selbst.

„Warum werden Kinder Tyrannen?“ Um diese Frage kreisen seit Jahren hitzige gesellschaftliche Debatten. Wie stehen Sie dazu?

Mal ganz ehrlich: Wie kann ein in Wirklichkeit0: wehrloses Kind ein Tyrann sein? Nicht die Kinder sind Tyrannen, Erwachsene empfinden sie immer mehr als solche. Viele Erziehende haben gelernt, ohne Nachfragen und oft auch ohne Nachdenken das zu tun, was ihnen von einer Obrigkeit angeordnet wird. Genau das erwarten sie jetzt auch von ihren Kindern. Diese sind aber immer weniger bereit zu akzeptieren, dass etwas dann in Ordnung ist, wenn jemand anderer es tut, aber falsch, wenn sie es selbst es machen. Kinder beginnen zu hinterfragen und tun Dinge nicht mehr einfach weil „jemand anderer sie ihnen sagt“. Damit müssen viele Erwachsene erst umgehen lernen.

Aussagen wie „Konsequenz ist keine Drohung, sondern bedeutet Sicherheit und Schutz“ oder „Das Erfahren von Grenzen ist ein lebenswichtiges Recht und keine Strafe“ erinnern ein wenig an ein „Lob der Disziplin“. Was genau verstehen Sie unter Disziplin, und was ist so wichtig an Grenzen? Und inwiefern können diese Ihrer Meinung nach Wege öffnen?

Für mich ist Disziplin die Fähigkeit anderen Menschen aber auch sich selbst Achtung entgegen zu bringen und die Bereitschaft, ein Leben lang zu lernen. Es bedeutet, seine Emotionen im Griff zu haben und auch einmal ganz bewusst gegen die eigene Einstellung handeln zu können, wenn mir anders ein Schaden entstünde. Ich glaube, dass es Menschen die sich nur deshalb daneben benehmen weil sie es nie anders gelernt haben, sehr schwer haben im Leben. Oder sind Sie heute nicht dankbar, dass „Bitte“ und „Danke“ für Sie selbstverständliche Worte sind? So ist es auch mit Grenzen. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, uns zu schützen. Wenn Sie als absoluter Ski-Anfänger einen extrem schwierigen Steilhang in Angriff nehmen möchten dann brauchen Sie jemanden, der Ihnen Grenzen setzt. Grenzen öffnen Wege weil sie uns zeigen bis wohin wir gehen können. Richtig gesetzt definieren sie nämlich nicht Einschränkung sondern geben uns den Freiraum innerhalb dessen wir uns unbeschadet bewegen können.

Verfolgt man die aktuellen Nachrichten, so wimmelt es von Berichten über Machtmissbrauch von Erziehungsberechtigten und Verantwortungsträgern. Kann man Kinder und Jugendliche durch die „richtige“ Erziehung stärken und schützen? Und wenn ja, wie?

Wirklich schützen kann man da leider niemanden, weil der körperlich Stärkere natürlich immer im Vorteil ist. Für mich stellt sich aber vor allem eine Frage: Warum lassen Kinder diesen Missbrauch überhaupt so vermeintlich bereitwillig zu? Warum wehren sie sich nicht mit Händen und Füssen gegen diese Übergriffe? Genau hier setzt die Erziehung an: welche Erfahrungen hat ein Kind bis dahin mit einem „Nein, ich will das nicht!“ gemacht? Wurde es damit ernst genommen oder wurde der Einwand von den Erziehenden einfach übergangen, sodass er dem Kind sinnlos erscheinen musste? Wenn wir unsere Kinder stärken und schützen wollen, dann müssen wir sie als gleichwertiges Gegenüber mit Stärken, Schwächen, Freuden und Bedürfnissen, als eigenständige Persönlichkeit, respektieren. Aber das ist wohl überhaupt die wichtigste Voraussetzung, damit Erziehung für das Leben gelingen kann.

Interviews mit Bernhard Moestl

Bernhard Moestl im Gespräch über Bewusstsein und Leadership, seine Bücher, das Leben in Shaolin und die Kraft des eigenen Denkens. Die spannendsten Interviews der letzten Jahre zum Nachlesen.