Über »Shaolin, du musst nicht kämpfen«

Fragen © Schwetzinger Zeitungsverlag GmbH & Co. KG / Vanessa Schäfer



Wohnort? Alter?

Laut Reisepass Wien, Österreich. Tatsächlich im Sommer meist irgendwo in Europa, zwischen November und März fast immer in Asien. Ich bin 42 Jahre alt.

Sie stellen am 11. Oktober im Oftersheimer Bürgersaal Ihr Buch „Shaolin - Du musst nicht kämpfen, um zu siegen“ vor. Was hat es mit dem Buchtitel auf sich?

Bereits vor vielen Jahrhunderten haben die Mönche in Shaolin, das ist ein kleiner Ort im Osten Chinas, erkannt, dass die Voraussetzung zum kampflosen Sieg in der Fähigkeit und der Bereitschaft liegt, Kampf als Gesetz der Natur zu akzeptieren. Nach ihrem Verständnis sollte jeder so gut kämpfen zu können, dass er nicht mehr kämpfen muss. Denn auch wenn der Kampf in unserer Kultur nicht mehr mit den Fäusten ausgetragen wird, ist er Konkurrenzkampf oder Kampf um den Arbeitsplatz durchaus präsent. Weiter gedacht bringt einen das zur Überlegung, dass der Weg zum echten Sieg nicht über den Kampf führt. Ein Meister, so sagt man in Shaolin, beendet einen Kampf, bevor er begonnen hat. Wer einmal die Vorführung der Mönche gesehen hat, verspürt zwar kaum noch Lust, sich mit diesen auf einen Kampf einzulassen. Das Geheimnis der Mönche, dem ich mit diesem Buch nähern will, liegt am Ende aber trotz allem nicht in ihrer körperlichen Kraft. Was sie unbesiegbar macht sind ihr Denken und der Glaube an die eigene Überlegenheit.

Der Vortragsabend ist in die Reihe „Lebenswege“ eingegliedert. Inwiefern können Besucher aus Ihrem Lebensweg lernen? Was erwartet sie an diesem Abend?

In Wirklichkeit sind Lebenswege wohl zu individuell als das jemand aus meinem Lebensweg wirklich etwas lernen könnte. Ich bin seit vielen Jahren ständig auf Achse, einfach weil ich es brauche, unterwegs zu sein. Das ist mit Sicherheit nicht jedermanns Sache. Mir ist wichtig, mein Leben zu leben. Nicht auf bessere Zeiten zu warten, nichts aufzuschieben, sondern die Dinge dann zu tun, wenn die Gelegenheit dazu ist. Sollte mein Leben heute Abend vorbei sein, gäbe es natürlich vieles, dass ich noch gerne getan hätte. Aber ich könnte gehen mit dem Wissen, meine Lebenszeit nicht vergeudet oder verschwendet zu haben. Ich habe unterwegs eine Menge Menschen getroffen, die bereit waren, ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Ansichten vorbehaltlos mit mir zu teilen. Ob die Mönche von Shaolin oder der Bauer, der auf der Seite von Ho Chi Minhs für die Freiheit von Vietnam gekämpft hat: Sie alle haben meine Ansichten und meinen Lebensweg geprägt und oft eine wunderbare Richtung verändert. An diesem Abend möchte ich einige dieser Einsichten an die Besucher weitergeben.

Was war für Sie ausschlaggebend, sich von den Shaolin ausbilden zu lassen?

Die Gelegenheit. Fasziniert hat mich Shaolin schon als Kind, als der besonnene Kwai Chang Caine in der Serie Kung-Fu einen Kampf nach dem anderen gewonnen hat. So wollte ich auch sein. Als Jugendlicher habe ich dann begonnen, mich mit Kampfkunst zu befassen. Als schließlich 1995 die Shaolin-Mönche im Zuge ihrer Europatournee nach Österreich gekommen sind, war mir klar: Da gibt es eine Menge zu lernen.

Wann war das? Wo war das? Wie lange waren Sie dort vor Ort?

Das erste Mal in Shaolin war ich im Oktober 1995. Ich bin dann auf meinen Reisen durch Asien immer wieder dorthin zurück gekehrt und einige Mönche sind mir im Laufe der Jahre richtige Freunde geworden. Wenn sie etwas in Wien zu tun hatten, haben sie auch bei mir übernachtet. Insgesamt habe ich in den letzten 22 Jahren etwa sechs Monate in Shaolin und über acht Jahre in Asien verbracht.

Welche Eindrücke und Erfahrungen haben Sie aus der Zeit bei den Mönchen mitgenommen?

Es waren vor allem drei Dinge, die ich in dieser Zeit verstanden habe. Erstens, dass man immer besser werden kann. Zweitens, dass dein Denken dein Handeln bestimmt und damit auch dein Leben. Und drittens, dass auch der Unbesiegbare besiegbar ist. Vieles, das ich heute weiß und tue wäre ohne die Zeit in Shaolin und Asien nicht möglich gewesen.

brainworx - Die Kraft des Denkens - Was genau kann man darunter verstehen?

Unter der Marke brainworx bieten wir Seminare rund um die Themen Bewusstsein und Leadership an. Ziel ist es, Menschen dabei unterstützen, die Kraft ihres Denkens zu nutzen um ihre Ziele zu erreichen. Das ist nicht so banal wie es sich vielleicht anhört, weil den meisten ihre eigene Gedankenkraft im Weg steht. Nehmen wir nur einmal an, Sie könnten etwas eigentlich wirklich gut, sind aber fest der Meinung, es nicht zu können. Können Sie es dann? Unser Bewusstsein ist wohl das zentralste Element in unserem Leben. Nicht Tatsachen sind nämlich wichtig für unser Wohlbefinden oder unsere Entscheidungen, sondern alleine das, was wir für Tatsachen halten. Anders wäre es auch nicht zu erklären, dass jemand sich über eine Aussage kränkt, die er einfach akustisch falsch verstanden hat. In brainworx Seminaren erleben die Teilnehmern neue und effiziente Wege sowohl mit Emotion als auch mit Angriffen souverän umzugehen und üben diese in einer offenen Lernatmosphäre ein.

In Ihrem Buch stellen Sie die 12 wichtigsten Prinzipien der Kraft des Denkens vor. Welche sind das? Welches ist das Wichtigste?

Die Prinzipien sind das Leben im Hier und Jetzt, ohne den Moment zu bewerten, die Achtsamkeit, durch welche die Einsicht in andere und in einen selbst kommt, Dinge ganz zu tun oder sie zu lassen, Verständnis, dass Begierde berechenbar, verletzbar und erpressbar macht, sich niemals zu einer Handlung hinreißen lassen, Eile mit Langsamkeit besiegen, Nachahmen, um aus sich in den Anderen hinein versetzen zu können, das Schaffen von Gelegenheiten, das Nachgeben, das Überprüfen von übernommenen Meinungen, das kampflose Siegen durch die Kommunikation von Überlegenheit und die Tatsache, dass alles, was wir sind und werden in uns selbst liegt. Es ist schwierig zu sagen, ob es hier ein Wichtigstes gibt, da alle diese Prinzipien einander bedingen und aufeinander aufbauen. Dürfte ich aber nur eines nennen, wäre es die Feststellung, dass jeder genau dort steht, wo er sich selbst hinstellt.

Wie kann jeder Mensch diese Prinzipien im Alltag umsetzen?

Indem er sich klarmacht, warum er wann wie handelt. Es ist genau es das, was uns Menschen von den Tieren unterscheidet: Wir können über unser Handeln nachdenken und es daher ganz bewusst verändern. In der Praxis bedeutet das, müssen nicht auf jede Provokation reagieren, uns von niemandem hinunterziehen lassen, ja uns nicht einmal kränken. Doch dazu braucht es die Einsicht, Bereitschaft zur Veränderung und eine Menge Übung. Einmal ist nach einem Vortrag eine Dame zu mir gekommen und hat gesagt: „Ja, ja, es wäre ja alles so einfach.“ „Sehen Sie“, habe ich ihr geantwortet, „genau das ist es. Es wäre nicht, es ist alles so einfach.“ Veränderung passiert aber nicht von selbst. Da steckt schon richtig Arbeit dahinter.

Wie bringen Sie diese den Teilnehmern Ihrer Motivationsseminare näher?

Bei all meinen Veranstaltungen – ob Vortrag oder Seminar - steht das eigene Erleben der Teilnehmer im Vordergrund. Nur wenn Menschen etwas selbst entdecken besteht am Ende auch zu die Chance einer Veränderung. Meine Seminare sind eine Mischung aus Vortrag, Diskussionen, Übungen, Antworten auf persönliche Fragen der Teilnehmer und jeder Menge Spaß und Staunen. Und eine tolle gemeinsame Zeit.

Was ist das A und O, das Menschen aus Ihren Motivationsseminaren mitnehmen?

Was sie wirklich mitnehmen weiß ich natürlich nicht. Mitgeben möchte ich ihnen die Einsicht, dass niemand anderer für unser Leben verantwortlich ist als wir selbst und es daher außer uns auch keiner ändern kann. Ich biete die Werkzeuge für Veränderung und zeige, wie man mit ihnen umgeht. Ich möchte den Menschen sagen: „Denkt immer daran, dass ihr unglaublich wichtig seid. Geht sorgsam mit euren persönlichen Ressourcen um. Und vergesst niemals, dass die Kraft des Denkens euch alles nehmen kann. Aber auch alles geben.“

Interviews mit Bernhard Moestl

Bernhard Moestl im Gespräch über Bewusstsein und Leadership, seine Bücher, das Leben in Shaolin und die Kraft des eigenen Denkens. Die spannendsten Interviews der letzten Jahre zum Nachlesen.