Über das Verständnis der asiatischen Denkweise

Fragen © Marlene Matt

Bernhard Moestl verbrachte viele Jahre in Südostasien und setzte sich intensiv mit der dortigen Alltagsphilosophie und Lebensweise auseinander. Im MEMO-Interview spricht der Bestsellerautor und AK-Seminarleiter über Gelassenheit und die ungeahnte Macht der eigenen Denkkraft.



In Ihren Vorträgen und Büchern geht es zumeist um das Bewusstsein. Warum hat Ihr Leben bei den Shaolin-Mönchen Ihre Denkweise so sehr verändert?

Grundsätzlich muss ich festhalten, dass es nicht um falsche oder richtige Denkweisen geht, sondern um eine bessere, hin zu mehr Lebensqualität. Ich möchteein Beispiel erwähnen: Ein Europäer fragt sich, warum etwas nicht geht. Ein Amerikaner überlegt sich, wie es gehen könnte. Und ein Asiate sagt: Ich sorge dafür, dass es geht. Asiaten kümmern sich nicht um Dinge, die sie nichts angehen, ob andere etwas richtig oder falsch machen. Wir investieren viel Zeit und Energie in Schuldzuweisungen. Stattdessen schauen die Asiaten auf sich, um selbst das Beste zu geben. Das hat nichts mit Egoismus zu tun. Wenn in einem Flugzeug die Atemmasken runterkommen, muss ich sie mir zuerst aufsetzen, um in Folge anderen helfen zu können.

Wie schaffen wir es, mit der Kraft des Denkens zu innerer Ruhe und Gelassenheit zu kommen, ohne gleich den gesamten Alltag umkrempeln zu müssen?

Es geht darum, sich eingespielter Handlungen bewusst sein. Wenn ich an einer Kreuzung ständig links abbiege, obwohl rechts die schnellere Verbindung wäre, muss ich hinkünftig nur BEWUSST nach rechts abbiegen. Mit der Zeit wird das zur Gewohnheit. Wenn Sie jemanden grüßen, erwarten Sie, dass er es auch tut. Und ärgern sich dann, wenn er nicht grüßt. Ich will damit sagen, dass uns Erwartungshaltungen abhängig machen und somit angreifbar. Diese „Wenn-würde-könnte“-Themen gehören auch dazu, weil sie nur sinnlos viel Eigenenergie verbrauchen.

Das klingt so einfach ...

... ist es auch! Natürlich können wir das Entstehen von Emotionen wie Zorn oder Angst nicht verhindern. Aber wir können lernen, mit ihnen umzugehen. Man kann sich mit etwas Übung zur Gelassenheit zwingen, indem man nicht unbedacht dem ersten Handlungsimpuls nachgibt. Wenn mich jemand beschimpft oder provoziert, macht er mir gleichsam ein Angebot für einen Kampf. Es liegt aber schlussendlich an mir, dieses Angebot anzunehmen oder zu ignorieren. Ich muss mir klarmachen, warum ich wann wie handle.

Apropos Kampf. Im AK-Seminar „Shaolin – Siegen ohne zu kämpfen“ geht es vordergründig um die Frage, wie wirken andere auf mich.

Richtig. Es geht um das Hinterfragen eigener Reaktionen in bestimmten Situationen. Wenn Sie sagen, die eine oder der andere manipuliert mich oder zwingt mich zu einer Handlung, muss Ihnen klar sein: Die Entscheidung dazu treffe ich letztlich immer selber! Und hier kommt wieder die Abhängigkeit von äußeren Meinungen ins Spiel. Sie müssen kämpfen, sich davon befreien. Wenn man sich auf diese Weise mit sich selbst beschäftigt, merkt man, wie man von seiner Umwelt und vor allem vom eigenen Denken manipuliert wird.

Ist Ihnen wirklich egal, was andere von Ihnen denken?

Ja, ehrlich gesagt immer schon. Es ändert ja nichts an meinem Wohlbefinden. Ich lebe wirklich das, was ich vortrage und schreibe. Ich muss mich nur mit mir selber messen und wissen, ich habe mein Bestes gegeben. Ich sage auch nie ‚Ich bin im Stress’. Ich fände das peinlich, wenn ich mich selber stressen lasse. Natürlich habe ich manchmal viel Arbeit, aber das ist etwas anderes.

Sehen Sie in diesen Denkweisen auch eine Verbindung zu den ständig steigenden Burnout-Zahlen in westlichen Ländern?

Natürlich. Burnout ist eine ganz ernste Sache, wird aber in seiner Entwicklung nicht ernst genommen. Wenn einer eine Woche lang durchrennt und danach nicht mehr gehen kann, sagt jeder: Das ist ja logisch, der ist völlig verrückt. Wenn das Gehirn, das genauso ein Muskel ist, ständig überfordert wird und keine Pausen erfährt, darf man sich nicht über einen Zusammenbruch wundern. Das nicht Abgrenzenkönnen hat viel mit fehlendem Selbstbewusstsein zu tun, es anderen ständig recht machen zu wollen und das eigene Leben nach anderen zu orientieren …

Im AK-Bildungscenter bieten Sie im November zwei verschiedene Seminare an. Was können die Teilnehmenden erwarten?

Die Teilnehmenden erlangen ein Bewusstsein für die eigene innere Kraft und lernen, diese gezielt einzusetzen. Dadurch steigern sie ihre Entscheidungsund Durchsetzungskraft und kommen in die Lage, Angriffe rechtzeitig zu erkennen und bewusst ins Leere laufen zu lassen. Ich gebe ihnen ein Werkzeug mit, wie sie ihr Bewusstsein schärfen. Voraussetzung dazu ist natürlich die Bereitschaft für eine Veränderung in ihrem Leben. Grundsätzlich geht es mir um das Erkennen und Hinterfragen eingespielter Mechanismen.

Wie kann man sich die Abläufe in den beiden AKSeminaren vorstellen?

Die Seminare sind eine Mischung aus Vortrag, Diskussion, Übungen, Antworten auf persönliche Fragen und jeder Menge Spaß und Staunen. In beiden Seminaren steht das eigene Erleben der Teilnehmenden im Vordergrund. Wenn Menschen etwas selbst entdecken, führt das am Ende zu viel mehr Bewusstsein und somit Veränderung, als wenn sie etwas nur erzählt bekommen. Ins reale Leben umsetzen kann man die neuen Erkenntnisse sofort. Bis man sich von seinenalten Gewohnheiten befreit hat, braucht das freilich seine Zeit. „Eigentlich machen wir eine Reise zu uns selbst ...“

Der zweite Kurstitel „Die Kunst einen Drachen zu reiten“ erzeugt Bilder mit Fragezeichen ...

In Asien ist der Drache das Symbol für eine Kraft, die nur ganz wenige kontrollieren können: das Denken. Wenn Sie Ihren Drachen nicht reiten können, dann hat er Sie unter Kontrolle und nicht umgekehrt. Es geht also auch um die Frage, wie wirke ich auf mich selbst, wie mache ich mich selbst nicht fertig. Wie schaffe ich es, das, was in mir steckt, auch wirklich positiv zu nutzen? Es geht auch um Vorurteile und die Frage, wie werde ich unangreifbar. Eigentlich machen wir im Seminar eine Reise zu sich selbst, um dem Mechanismus des eigenen Denkens auf die Spur zu kommen. Emotionen und dessen Kontrolle sind genauso ein Thema. Die eigene Denkkraft kann nämlich durchaus zerstörerisch gegen sich selber wirken. Das muss einem bewusst sein.

Interviews mit Bernhard Moestl

Bernhard Moestl im Gespräch über Bewusstsein und Leadership, seine Bücher, das Leben in Shaolin und die Kraft des eigenen Denkens. Die spannendsten Interviews der letzten Jahre zum Nachlesen.