Über die Kunst klarer Entscheidungen

Fragen © Leben ohne Limit

Entscheidungen zu treffen, fällt uns manchmal schwer, weil wir Angst haben, den falschen Weg einzuschlagen. Doch können wir uns überhaupt falsch entscheiden? Eine Wahl kann immer nur die Kunst des Möglichen im Hier und Jetzt sein. Im Nachhinein sieht vieles anders aus, weil wir um einige Erfahrungen reicher sind.



Wenn Gefühl und Verstand unterschiedliche Wege gehen, wird es meines Erachtens schwer, eine Wahl zu treffen. Wie ich mich auch festlege, ein ungutes Gefühl wird zunächst bleiben. Welche Möglichkeiten haben wir, mit solchen inneren Pattsituationen umzugehen?

Wir müssen wieder lernen, auf unser Gefühl zu hören. Der Verstand verschafft uns nämlich die unangenehme Fähigkeit, uns selbst zu belügen. Wenn ich persönlich bei einer Sache ein schlechtes Gefühl habe, dann lasse ich sie sein; gleichgültig wie sehr der Verstand auch versucht, diese Entscheidung lächerlich zu machen. Wichtig ist aber, eine Gefühlsentscheidung niemals in der Rückschau zu beurteilen. Schließlich können wir nie wissen, was tatsächlich passiert wäre, wenn wir anders entschieden hätten.

Um die eigenen Herzensangelegenheiten anzugehen, warten viele Menschen gerne auf den “richtigen” Zeitpunkt, wahrscheinlich in der Hoffnung, dass die Bedingungen sich verbessern. Allerdings verstreicht auch wertvolle Lebenszeit. Gibt es überhaupt einen richtigen Zeitpunkt oder ist eher der fehlende Mut Position zu beziehen, der uns zögern lässt?

Kardinal de Retz hat einmal gesagt: “Nichts geht auf der Welt ohne rechten Augenblick.” So gibt es für alles durchaus geeignetere und weniger geeignete Zeitpunkte. Auch in einem unpassenden Moment überhastet loszustarten und nicht auf die beste Gelegenheit warten zu können wäre verschwendete Lebenszeit. Umgekehrt schieben aber die meisten Menschen Entscheidungen nicht auf, weil sei meinen, die Bedingungen würden sich verbessern. Vielmehr wollen sie nicht verstehen, dass auch die Entscheidung, keine Entscheidung zu treffen eine Entscheidung ist, die wir irgendwann verantworten müssen. Nicht zu entscheiden bedeutet nämlich nicht, dass die Welt bis zu unserer Entscheidung still steht. Ganz im Gegenteil: Wer nicht selbst entscheidet, für den entscheiden die Anderen.

Was hat es mit dem Sprichwort “Denke scharf nach und entscheide innerhalb von 7 Atemzügen.” auf sich?

Das Sprichwort stammt aus dem Hagakure, dem alten Verhaltenskodex der Samurai. Dort heißt es: Ein altes Sprichwort lautet: “Denke scharf nach und entscheide innerhalb von sieben Atemzügen.” Fürst Takanobu kommentierte einmal: “Langes Überlegen stumpft den scharfen Rand einer Entscheidung ab.” Fürst Naoshige wurde so vernommen: “In sieben von zehn Fällen stellen sich die Dinge, die zögerlich ausgeführt wurden, als falsch heraus. Von einem Samurai wird schnelles Handeln erwartet bei allem, was er in Angriff nimmt.” Ein verwirrter Geist führt zu keiner klaren Entscheidung. Ein Mann ohne nagende Zweifel, von frischem und hohem Geist, kann innerhalb von sieben Atemzügen zu einer Entscheidung kommen. Geistesgegenwärtig muss man entschlossen eine Entscheidung treffen.

Unsere heutigen Entscheidungen werden oftmals durch vergangene Erfahrungen und Zukunftsängste beeinflusst. Wie können wir uns stärker auf die Gegenwart beziehen und damit den Grundstein für “neue” Lösungen legen?

Indem wir verstehen, dass sich Vergangenheit und Gegenwart nicht vergleichen lassen. In China sagt man, dass Erfahrung wie eine Laterne im Rücken ist, die immer nur das Stück des Weges beleuchtet, das wir bereits gegangen sind. Ich meine sogar, dass die Erfahrung der größte Gegner der Achtsamkeit ist weil sie uns glauben macht, eine Situation ohnehin zu kennen, was natürlich nicht der Fall sein kann. Grundsätzlich ist eine Entscheidung immer genau für jenen Moment richtig, in dem wir sie treffen. Sie kann daher bereits im nächsten Moment durchaus falsch sein, einfach weil sich die Voraussetzungen geändert haben. Dabei macht es keinen Unterschied, ob wir alles bedacht und mit einbezogen haben oder nicht. Umgekehrt ist das aber auch gar nicht wichtig solange wir bereit sind, zu akzeptieren, dass sich verändernde Umstände auch neue Entscheidungen erfordern. Es ist besser eine getroffene Entscheidungen selbst nach kürzester Zeit wieder zu verwerfen statt aus falschem Stolz an einer als falsch erkannten festzuhalten.

Haben Asiaten im Allgemeinen eine andere Sichtweise und Lebenseinstellung als Westeuropäer?

Asiaten (solange sie noch nicht von der westlichen Kultur beeinflusst sind) kümmern sich in erster Linie um sich selbst. Es interessiert sie weder, was andere Menschen tun noch was diese über sie denken. So gibt es beispielsweise im Norden Indiens Nacktpriester, was die Menschen dort ebenso selbstverständlich zur Kenntnis nehmen wie die transsexuellen Busbegleiter(innen) in Thailand. Ein Vietnamese hat einmal zu mir gesagt: “Wenn uns die Regierung verbietet, etwas vor dem Haus zu tun, dann tun wir es eben hinter dem Haus.” Gleichzeitig haben Asiaten einen sehr eingeschränkten Umgang mit Emotionen und Konfrontation, was vor allem für Europäer oft schwierig zu verstehen ist. Ein Asiate, der etwas nicht tun möchte, sagt Ihnen das einmal, streitet aber nicht mit Ihnen wenn Sie trotzdem darauf bestehen. Er lässt Sie in dem Glauben, die Sache zu erledigen und tut es dann einfach nicht.

Was bedeutet für Sie das Schreiben und die Fotografie?

Mein Leben.

In welchem Alter spürten Sie die Ihre Faszination für Sprache und Bilder?

Das ist schwierig zu sagen. Seit ich mich erinnern kann waren schöne Bilder und eine schöne, reduzierte Sprache für mich das, was anderen Menschen ein gutes Essen oder anderes Vergnügen ist. Ich erinnere mich, dass ich in der Schule einer der Wenigen war, die mit Begeisterung Bertolt Brecht gelesen haben, dessen Umgang mit Sprache mich bis heute begeistert. Gleichzeitig haben mich schon lange sowohl Bilder als auch Sprache als Werkzeuge der Manipulation, als Wege der Einflussnahme auf andere Menschen fasziniert.

Sie haben mehrere Monate im legendären Shaolin Kloster in der Provinz Henan verbracht. Inwiefern hat diese Zeit Sie beeinflusst und was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

All die Jahre, die ich auf dem asiatischen Kontinent verbracht habe, haben mein Denken und mein Leben beeinflusst, so natürlich auch Shaolin. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Idee, dass der Weg zum kampflosen Sieg durchaus auch über den Kampf führen kann. Nicht derjenige gewinnt, der sich untertänigst alles gefallen lässt und immer nachgibt, sondern derjenige, der seine Entscheidungen so klar kommunizert, dass niemand auf die Idee kommt, an diesen zu zweifeln.

Wie wichtig ist Achtsamkeit in Ihrem Leben?

Ein Leben ohne Achtsamkeit wäre wohl das traurigste, das ich mir vorstellen kann. Daher habe ich mich dafür entschieden, sie ganz bewusst zu leben. Natürlich blühen die Blumen auch schön, wenn ich sie nicht beachte und auch sonst würde sich ohne meine Achtsamkeit wohl wenig ändern in der Welt. Aber mich selbst brächte fehlende Achtsamkeit wohl um tausende Gelegenheiten, mich zu freuen und zu staunen und um viele Einsichten, die sonst von Vorurteilen verstellt wären.

Welche Gedanken kommen Ihnen bei den Worten von Thich Nhat Hanh? “Heutzutage neigen die Menschen dazu, ihre Zuflucht in übermäßiger Arbeit zu suchen, um sich nicht mir ihrem inneren Aufruhr auseinandersetzen zu müssen.”

Dass den Menschen die Achtsamkeit gegenüber sich selbst fehlt. Leider gibt es aber einige, die davon profitieren, dass viele Menschen so denken und daher wird sich daran auch nicht so bald etwas ändern. Nicht Freude oder Glück ist heute das Mass für ein erfülltes Leben sondern möglichst viel erledigte Arbeit. Eigentlich traurig.

Was ist Ihnen im Leben wichtig?

Mir möglichst oft zu denken: Ich liebe dieses Leben. Schön, dass ich da sein darf.

Interviews mit Bernhard Moestl

Bernhard Moestl im Gespräch über Bewusstsein und Leadership, seine Bücher, das Leben in Shaolin und die Kraft des eigenen Denkens. Die spannendsten Interviews der letzten Jahre zum Nachlesen.