Arbeit 4.0?

So man mich einmal danach fragen wird, worin die größte Veränderung unserer Zeit gelegen hat, dann werde ich wohl sagen, dass es der Zugang zum Thema »Arbeit« war. Nicht die Digitalisierung und die mit ihr verbundenen Konsequenzen sondern die Tatsache, dass sich in den letzten dreißig Jahren die gesamte Arbeitswelt erstaunlich radikal verändert hat. So war noch für die Generation meiner Eltern Arbeit nichts anderes als ein notwendiger Teil des Lebens. Man arbeitete um zu überleben, vom Sonntag bis zum Wochenende, vom Wochenende bis zum Urlaub und vom Urlaub bis zur Pension, in der man dann das Leben zu genießen gedachte. Arbeit musste weder Sinn noch Freude machen, sie musste einfach erledigt werden. Nicht der Mensch mit seinen Wünschen und Bedürfnissen stand im Mittelpunkt dieses Prozesses, sondern alleine das, was er bereit war zu leisten.
Auch wenn es manchmal den Anschein macht war die Entwicklung zu dem, das wir heute kennen, keineswegs das Ergebnis einer plötzlichen, lauten Revolution. Es war vielmehr die Folge eines langsamen Prozesses, der unbemerkt von den meisten unaufhaltsam seinen Lauf nahm und sich daran machte, die einst so friedliche Homogenität der Arbeitswelt radikal zu zerstören.

Revolution
Denn die wirkliche Revolution, die Globalisierung und Digitalisierung mit sich gebracht haben, ist jene, dass heute die arbeitende Bevölkerung gespalten ist. Wer die Chancen der neuen Technologien zu spät erkannt hat oder einfach nicht in der Lage war, diese für sich zu nutzen, geht weiterhin einer Arbeit nach, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ihnen gegenüber steht eine Bewegung, die als „Digitales Nomadentum“ bekannt geworden ist. Hier ist die Hauptmotivation nicht mehr das Geld verdienen, sondern vielmehr die Idee, sich selbst und sein Leben zu verwirklichen. Ein auf den ersten Blick feines Konzept, das erst beim zweiten Hinsehen einen entscheidenden Fehler hat: Es funktioniert nur auf Kosten anderer. Wer seine Leistung zu einem Preis anbieten will, der auch im globalisierten Internet noch konkurrenzfähig ist, dem bleibt nur wenig Geld, um für selbst konsumierte Leistung zu bezahlen. Und so hat der neue Trend zu dem erstaunlichen Phänomen geführt, dass jene, die einer Anstellung den Rücken gekehrt haben, um der vermeintlichen oder tatsächlichen Ausnutzerei zu entkommen, nun selbst zu Ausnutzern geworden sind. Schließlich kann sich dieses Lebensmodell auch für einen Einzelunternehmer nur rechnen, wenn er versucht, seine eigenen Kosten so gering wie möglich zu halten. Nicht zuletzt deshalb weichen jene Menschen, die dieses Arbeitsmodell wählen, meist auf die günstigen Länder Südostasiens aus.

Geben und nehmen
Doch auch jene, die in den alten Strukturen verblieben sind, sind vom Wandel betroffen. Galt früher Arbeit als ein Tauschgeschäft, bei welchem zwei gleichwertige Geschäftspartner Leistung gegen Gegenleistung tauschten, haben sich heute die reichlich irreführenden Begriffe von „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“ etabliert. Besonders eigenartig scheint mir daran die Tatsache, dass dadurch derjenige, der die Arbeit eines anderen in Anspruch nimmt, plötzlich in die Sphären eines großzügigen Gönners aufsteigt, der so etwas wie Achtsamkeit alleine durch seine Position gar nicht mehr nötig hat. Nicht mehr muss der technisch ahnungslose Großindustrielle dankbar sein, dass die besten Ingenieure für ihn arbeiten, sondern umgekehrt müssen diese ihm danken, dass er ihnen einen Arbeitsplatz in seinem Unternehmen gewährt. 
 

Motorschaden
Während sich nun auf der einen Seite Arbeitsleistungen immer mehr verbilligen werden sie gleichzeitig in anderen Bereichen immer teurer. Auch wenn das meist weniger mit Gehältern als mit immer höheren Steuern und Abgaben zu tun, macht es am Ende für den Dienstgeber keinen Unterschied: Er muss mehr bezahlen. Und möchte daher für das investierte Geld auch immer mehr sehen. Geiz ist schließlich geil. Keinen interessiert dabei, wie ein Mensch, der an seiner Leistungsgrenze angelangt ist, unter unveränderten Voraussetzungen noch mehr leisten können soll. Interessant ist dabei, dass dieses Verhalten all dem zuwider läuft, dass Menschen sonst zu tun pflegen. Ich kennen niemanden, der ein richtig teures Auto ständig am Limit fährt, nur weil es eben viel gekostet hat. Ganz im Gegenteil, wären die meisten darauf aus, den Motor wo immer möglich zu schonen, um das teure Stück möglichst lange in Schuss zu halten. Dass selbst der kostenintensivste Angestellte irgendwann genauso wertlos wird wie ein Wagen mit Motorschaden, scheint sich aber noch nicht überall herumgesprochen zu haben.

Dennoch sollte auch jeder, der eine Arbeit verrichtet, ihr schon im eigenen Interesse mit Achtsamkeit begegnen. Schließlich bedeutet unachtsames Arbeiten ja nicht, dass man daheim sitzt und nichts tut. Wer nur von Freitag bis Sonntag lebt und dazwischen darauf wartet, dass die Zeit möglichst schnell vergeht, wirft aber jede Woche vier Tage weg. Dem Leben ist so etwas egal. Ob wir in dem, das wir tun, einen Sinn sehen oder nicht, die Tage vergehen in jedem Fall. 

Achtsames Führen
Dabei bedeutet achtsames Arbeiten vorrangig, es uns selbst recht zu machen und das, was wir tun, nie als lästige Pflicht sondern als Privileg zu betrachten.
Auch wer mit der Arbeit anderer Geld verdient, tut gut daran, Achtsamkeit zu lernen. Eine gute Führungskraft muss sich vor allem selbst kennen und wissen, was sie dank ihrer Position bei ihren Mitarbeitern und dadurch auf Dauer im Unternehmen anrichten kann. Mehr Angestellte verlassen eine Firma aus Ärger auf den Chef als aus Unzufriedenheit mit der Arbeit. Gerade wer in einer starken Position ist kann wie ein LKW-Fahrer, der beim Abbiegen einen Radfahrer niederfährt, ohne es zu wissen, andere Menschen verletzen, ohne dass er es bemerkt. 
Gleichzeitig ist es alleine demütige Achtsamkeit, welche die für das Überleben jedes Betriebes lebenswichtige Wertschätzung ermöglicht. „Mitarbeiter“, so hat mir einmal der Chef eines kleinen Unternehmens gesagt, „sind für mich bezahlte Feinde.“ Wie dumm, habe ich mir damals gedacht, muss dieser arme Mensch eigentlich sein, wenn er seine Feinde noch bezahlt? Andererseits: Was soll bei so einer Einstellung jenen Menschen gegenüber, die das Unternehmen bei Kunden und Lieferanten vertreten, auch heraus kommen?
Gerade diese Chefs sind es aber umgekehrt oft, die sich über die Faulheit und Streitereien der Angestellten beklagen. Dabei verbirgt sich gerade hinter vermeintlicher Faulheit sehr häufig das Gefühl, dass die eigene Leistung nicht geschätzt wird. Wozu soll man aber etwas tun, wenn es ohnehin keinen Unterschied macht und man statt Lob nachher nur „Das erwarten wir auch von Ihnen!“ zu hören bekommt? Bei häufigen Streitereien unter den Untergebenen sollte sich die betreffende Führungskraft fragen, ob sie wirklich allen Mitarbeitern mit der gleichen Achtsamkeit gegenüber tritt oder manchen vielleicht ungewollt bevorzugt. Macht beruht auf Zuwendung und niemals auf Gewalt. Menschen arbeiten nicht auf Dauer gut, weil sie den bösen Chef fürchten sondern weil sie dem freundlichen gefallen wollen. 

Kritikkultur
Eine Einsicht, die auch dabei hilft, effiziente Kritik zu üben. Dazu braucht es keine angelernten Techniken. Es reicht, sich einfach klar zu machen, dass es beim Kritisieren weder darum geht, dass wir uns nachher besser fühlen noch darum, einen anderen Menschen hinunter zu machen. Das Ziel von Kritik ist schlicht eine Änderung des Verhaltens. Und die erreicht man weder mit schimpfen noch mit der Androhung von drakonischen Strafen. Man erreicht sie mit dem Wissen, dass Menschen gefallen wollen und dem einfachen Satz: „Ich finde gut, was du tust. Noch besser würde es mir allerdings gefallen, könntest du es folgendermaßen tun.“

Wenn du dein Leben lang glücklich sein willst, so sagt man in China, dann liebe deine Arbeit. Wer seinen Beruf zur Berufung macht, bereit ist, den eigenen Wert zu erkennen und sich die Fähigkeiten und Ressourcen seiner Mitarbeiter nutzbar macht, ist in jedem Fall auf dem besten Weg dorthin.

Voriger BeitragIm Gespräch #1
Nächster BeitragDummer Junge