Doku »Grenzenlos Rumänien«

Im Nachhinein scheint immer alles leicht. Und diesmal erschien es das im Vorhinein auch. Begonnen hatte alles damit, dass mich auf Vermittlung eines in Kronstadt aufgewachsenen „Welt“-Journalisten eine Berliner Freundin anrief und fragte, ob ich an einem Film über meine Wahlheimat Rumänien mitarbeiten wolle. Die Serie „Grenzenlos - Die Welt entdecken“ würde immer Samstags zur besten Sendezeit auf Sat 1 ausgestrahlt und ich hätte zusätzlich die Möglichkeit, als Protagonist „meine“ Stadt Brasov vorstellen zu dürfen. Nachdem ich kurz den Aufwand überschlagen hatte und die Konzepterstellung auf zwei oder drei Tage geschätzt hatte, sagte ich voller Freude zu. 

Die große Ernüchterung kam, als ich das erste Mal mit Fernsehautor und Regisseur Attila Teri telefonierte, der den Film produzieren würde. Bereits nach wenigen Minuten wusste ich, dass die Herausforderung größer war als angenommen. Nicht irgendein Film über Rumänien sollte es nämlich werden, sondern schlicht der beste, der jemals gedreht wurde. Auch das Konzept der Sendung erwies sich als anspruchsvoller als gedacht. Fünf Protagonisten, jeder möglichst auf seine Art ein Unikum, sollten lebendig jeweils einen Ort vorstellen und dabei vor der Kamera etwas tun, das für die Region typisch ist. Show, don’t tell im Sinn des Wortes. Was aber tun ein Architekt, ein Bergsteiger oder ein Fremdenführer in Rumänien anders als sonst wo auf der Welt? Also erstellten Aline (so heißt die Berliner Freundin) und ich eine Liste mit möglichen Drehorten und dazu passenden Menschen, machten Reisepläne, um sie alle in den wenigen Drehtagen unterzubringen und verwarfen sie wieder. Es musste das Beste sein. Denn nur falls das Konzept auch die Produktionsfirma überzeugen würde, so Attilas mahnende Stimme, würde es am Ende auch umgesetzt. Aber davor mussten wir ohnehin zuerst ihn überzeugen. „Was genau ist die Story?“ „Ähm… Stimmt schon. Es gibt keine.“ Zurück an den Start. „Es muss besser werden. Spannender. Lebendiger. Sonst wird das nichts.“ Aber wie erklärt man jemandem eines der faszinierendsten Länder dieser Erde, der noch nie da war?

Wir hatten mittlerweile so vielen Menschen von dem Film erzählt und so viel Unterstützungszusagen bekommen, dass es kein Zurück mehr gab. Doch Attilas Ansprüche schienen unerfüllbar. „Es muss noch besser werden. Lebendiger. Nicht so statisch. Ich möchte Geschichten erzählen!“ Geschichten erzählen wollte ich auch. Nur: Wie erzählt man Geschichten, ohne sie zu erzählen? „Du bist Fotograf“, hörte ich Attila während unserer täglichen Telefonkonferenzen sagen, „streng dich an.“ Ich war knapp davor, die Sache aufzugeben, als ich auf einmal verstand, worum es tatsächlich ging. Keine Reisereportage im klassischen Sinn wollte der Regisseur drehen, sondern die Menschen dahinter zu Wort kommen lassen. Nicht die Kultur des Landes galt es vorrangig zu zeigen sondern das Leben der Menschen dahinter. Begegnen statt besichtigen. Wir fixierten Ort um Ort, Story um Story, Mensch um Mensch.

Neun Tage dauerte schließlich die Reise vom dünn besiedelten Norden bis in die Hauptstadt Bukarest. Neun Tage, in denen wohl tatsächlich der schönste Film über Rumänien entstanden ist, der jemals gedreht wurde. Ansehen kann man ihn in ganzer Länge »hier.

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